Ich möchte aber nicht aus dem zweiwöchigen Rhythmus scheiden, ohne noch für die einzige Frankfurter Institution Werbung gemacht zu haben, die in meiner Liste der gelobten Kneipen, Orte und Veranstaltungen noch fehlt. Bisher habe ich es unterlassen, weil es meine eigene Veranstaltung ist: die „Lesebühne Ihres Vertrauens“.
Nicht alle guten Veranstaltungsideen kommen aus Amerika. Diese hier kommt aus Berlin. Eine handvoll privatgelehrter Autoren findet sich einmal im Monat zusammen, um auf einer Bühne ihre Texte einem biertrinkenden Publikum vorzulesen. Kneipentauglich, komisch, kurzweilig, ohne Wasserglas und Cashmereschal, ohne Diskussion und „Was will uns der Künstler damit sagen?“. Die Lesebühne besteht aus der Dramatikerin Lisa Danulat, dem Kabarettisten Severin Groebner, dem Gitarrenmann[...]
In einem Smalltalkgespräch zu einem Frankfurter sagen: „Eigentlich wollte ich ja nach Offenbach. Aber gut: man nimmt, was man kriegt.“ (Achtung Studenten der HfG Offenbach!)
In der Äbbelwoiwirtschaft Stalburg einen „großen Süßgespritzten“ bestellen und sagen: „Ich brauch da Limo drin, das schmeckt sonst so nach eingeschlafenen Füßen.“
Die Total-Tankstelle an der Kreuzung Adickesallee/Eckenheimer Landstraße als Total-Tankstelle bezeichnen. Die wurde als Fina gebaut, wird immer noch Fina genannt, und das wird auch verdammt nochmal so bleiben!
Am Ben-Gurion-Ring in Bonames nach dem Weg zur Synagoge fragen.
In Harheim einen Kahlgeschorenen nach dem Weg zur Synagoge fragen.
Einem Bewohner des Ben-Gurion-Rings erklären, wer Ben Gurion war.
Bei „Best Worscht in Town“ am Grüneburgweg eine Currywurst[...]
Wie oft bin ich als Kind durch das Eingangsgebäude des Eschersheimer Freibades an der Nidda gegangen, habe mich vom Bademeister erst kritisch beäugen und dann anbrüllen lassen („Mit dem Eis weg vom Beckenrand!“ – „Noch einmal so auf der Rutsche und du fliegst raus!“). Wie oft las ich das Schild „Schüler aus den Partnerstädten Lyon, Mailand und Birmingham erhalten freien Eintritt“ und fragte mich, ob denn jemals ein solcher Schüler hier war. Wie arg habe ich etwas später geflucht, weil das Eschersheimer Freibad zu einem Vergnügungspark der streitfreudigen Unterschichtjugend wurde, deren Eltern Höflichkeit und die Achtung der Ruhe anderer nicht als Ziel einer erfolgreichen Erziehung betrachteten, und die mit ihren „Schfickdeinemutter“- und „Schbringdschum“-Rufen den Freibadgang einer[...]
Das hatte ich verdrängt. Einst haben wir in eben jenem Biergarten, in dem ich jetzt sitze, unsere Klassenkasse versoffen. Als wir dort rausgekehrt wurden, sind wir noch in den Elfer gegangen, eine Punkkneipe in unmittelbarer Nähe. Trotzdem ging ich am nächsten Tag pünktlich um 7:45 Uhr zum letzten Schultag, um mein Zeugnis abzuholen. Dort geschah, was geschehen musste.
„Hey! Der Kotzer ist da!“ brüllt er in die Runde. Sofort geht ein Grölen durch die Masse. Ich rede, trinke aus Bembeln und Krügen, schüttle Hände und klopfe auf Rücken. Immer wieder kommen neue Leute.
„Wie du der ollen Jahnke damals vor die Füße gekotzt hast, das war echt ganz großes Kino.“
Die Baracke, in der das geschah, ein Behelfsbau aus den 60ern, ist mittlerweile abgerissen.
Es ist halb zwölf, der Drosselbart will[...]
Doch mancherorts braust die Kritik wie Donnerhall. Es wurde gesagt, dass die Strecke zwischen Koblenz und Mainz eine ganz furchtbare sei. Zwar hätte man das Rheinpanorama vor sich. Der Blick in die Hinterhöfe der Rheinanrainer mache einem dieses jedoch wieder madig. Man könne der Hauswirtin Pohl beim Teppichklopfen zusehen und den Eheleuten Krause beim Geschlechtsakt. „Bin ich als Bahnfahrer verpflichtet, im Hinterhof die Wäsche von der Leine zu nehmen?“ fragte Harald Schmidt einst im Bezug auf dieses Phänomen. Im Kurztext gesagt: man sehe hinter die Kulisse. Böse Zungen behaupten, die Strecke würde sich von der zwischen Offenbach und Frankfurt nicht unterscheiden. Also, bitte! Offenbach!
Doch genau das ist das Schöne daran. Es vereint sich in der Rheinstrecke die Erhabenheit der Landschaft[...]
Der Anwohner ist der, der unsere Feiern auflöst, der unsere Kneipen schließt, der unsere Bierbänke von der Straße und unsere Decken von der Wiese räumt. Er braucht seine Ruhe, denn er muss tagsüber schlecht gelaunt in seinem Kontor sitzen. Er geht arbeiten. Er hat es nicht leicht. „Ich kenne meine Rechte!“ Er hat eine Frau zuhause, die unentwegt redet, „da brauch’ ich nich’ noch den Lärm vor der Tür“. Er war wohl auch nie jung und hatte vermutlich nur sehr selten Spaß.
Institutionen der Frankfurter Kultur und Subkultur sind bereits einzelnen Anwohnern zum Opfer gefallen. Das Sachsenhäuser Musiklokal „Das BETT“ wäre fast geschlossen worden. Die Kellerbar „franKFUrter schule“ in der Fichardstraße musste irgendwann ihren laufenden Betrieb einstellen. Der Eschersheimer Biergarten „Drosselbart“[...]
Ich musste an ein Hinweisschild denken, dass ich vor Jahren in einem Industriegebäude sah: „Es ist verboten, Personen in Aufzügen zu befördern, in denen das Befördern von Personen verboten ist.“ Da könnte man ja gleich überall Schilder aufhängen, die selbstverständliches anmahnen: „Diebstahl verboten“ – „Geschlechtsverkehr bedarf der vorherigen Einwilligung des Geschlechtspartners“. Oder einen Wegweiser:
„<-- links rechts -->“
Ist das nicht eine neue Geschäftsidee? Kann man in Zeiten der Krise nicht die Wirtschaft etwas ankurbeln, indem man ein paar Schilder pressen lässt? Die Blechindustrie würde sich freuen. Was den Inhalt angeht, so hat uns der Dornbusch schon vorgemacht, dass es darauf nicht unbedingt ankommt. Am ungefährlichsten sind Schilder, deren Botschaften sich selbst in den[...]
Der Inhaber des Fahrrad-Nuss (Name geändert) war berüchtigt für seine Unfreundlichkeit und sein allgemeines Arschlochtum. Ging man durch seinen Laden, sah ein Fahrradutensil und fragte: „Was kost’n des hier?“ so antwortete er stets: „Geld.“ Ließ man ein Fahrrad zur Reparatur da, so hieß es: „Sobald isch damit fertig bin, holste des sofort ab, klar? Isch will mei Werkstatt net mit Fahrrädern vollstehe habe.“
Im großen und ganzen also jemand, dem man am liebsten zurufen möchte: „Du dummes Arschloch, geh zugrunde an deiner pissigen Art und erstick an dem Geld, das ich dir bisher in den Rachen geworfen habe, was ich übrigens bitter bereue!“ Nur leider war der Fahrrad-Nuss eben der einzige Fahrradladen in Eschersheim und nutzte diese Monopolstellung insbesondere gegenüber der Eschersheimer[...]
Das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen kann niemand verstehen, der es nicht selbst erlebt hat. Zu keinem Teil gehört man richtig dazu, jeder sieht einen als Fremden an und wo die eigenen Wurzeln, das eigene Zuhause sind, das lässt sich nicht so ohne weiteres sagen.
Die Familie meiner Mutter ist noch relativ homogen nordhessisch. Mein Vater ist das unglaublichste Mischlingswesen: Mutter Österreicherin, Vater Berliner. Streichholz und Benzinkanister. Ich war schon von klein auf den verschiedenen Zungen meiner Familie ausgesetzt. Dem österreichischen Schmäh meiner Großmutter: „Bua, mach’s Moi zu, sonst spuck i dir eini.“ Der Berliner Schnauze meines Großvaters: „Kadetten, ick sare euch eins: Hinsetzen und Schnaueze halten!“ Dem hessischen Ton der Familie meiner Mutter: „Wenn der Bub emal was[...]
Einer meiner härtesten Kollegen damals war Heiner. Sein Zivildienstjob bestand zum größten Teil aus Kiffen, Videos gucken und dem Verführen italienischer Touristinnen: Er war Rezeptionist in einer großen Frankfurter Jugendherberge.
Eines Tages entdeckte Heiner auf dem Mittelstreifen der Stephanstraße nördlich der Zeil eine Hanfpflanze. Aufgeregt, wie Neunzehnjährige bei solchen Themen nun mal sind, folgten wir ihm. Und tatsächlich: Mitten auf der Straße stand eine Pflanze, die uns ein paar Wochen kostenlosen Feierabendspaß verhieß.
„Das ist ’ne weibliche. Die grab ich nächste Woche aus und stell sie mir in den Garten.“
Schon begann die Diskussion über die Aufteilung der Ernte.
„Ich steh Schmiere, während du gräbst. Dafür krieg ich zehn Prozent.“
„Ich kann sie gießen, wenn du im Sommer in[...]
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